Wie lassen sich die Lebensbedingungen von Labortieren verbessern? Dr. Nadine Baumgart leitet das 3R-Zentrum an der Universitätsmedizin Mainz und entwickelt innovative Methoden, um Stress bei Versuchstieren zu reduzieren.
„Mäuse und Ratten lieben weiße Schokolade“, sagt Dr. Nadine Baumgart. Sie kennt die Vorlieben der Nagetiere ganz genau. Als Fachwissenschaftlerin für Versuchstierkunde arbeitet sie fast täglich mit den Tieren im Labor zusammen. Ein Ziel treibt sie und ihr Team dabei besonders an: „Wir möchten, dass sich die Labortiere möglichst wohlfühlen“, so Baumgart. „Und das gelingt uns am besten, wenn wir Vertrauen zu ihnen aufbauen und den Stress beim Versuchsablauf reduzieren.“ Nadine Baumgart leitet das „TARCforce3R“-Zentrum der Universitätsmedizin Mainz mit rund 80 Mitarbeitenden und mehr als 40.000 Versuchstieren.
Schon früh hat sich Baumgart für die biomedizinische Grundlagenforschung interessiert. Bereits vor ihrem Biologiestudium machte sie ein Praktikum in einem Labor. „Das war genau mein Ding“, sagt sie. Als Doktorandin untersuchte sie humane Immunzellen im Mausmodell. „Wenn man in der Immunologie forscht, landet man zwangsläufig bei Tierversuchen“, erklärt Baumgart. Sie akzeptierte zunächst diese Notwendigkeit – doch als sie 2014 ans TARC-Zentrum der Universität Mainz wechselte, änderte sich ihr Blickwinkel. „Die Universität hat eine große Versuchstierhaltung, und ich habe mich gefragt, was ich für die Tiere tun kann“, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt Baumgart Refinement-Methoden, um die Bedingungen für Versuchstiere zu verbessern – aus ethischer Überzeugung, aber auch, weil entspanntere Tiere zuverlässigere Versuchsergebnisse liefern.
Versuchstiere gezielt an Abläufe gewöhnen
Ein Forschungsschwerpunkt des Mainzer 3R-Zentrums ist das Training. Statt Mäuse und Ratten den Versuchssituationen unvorbereitet auszusetzen, gewöhnen Baumgart und ihr Team sie gezielt an die Abläufe. „Wenn eine Maus lernt, dass sie nach einer Untersuchung ein Leckerli bekommt, verbindet sie den Experimentator automatisch mit etwas Positivem“, sagt Baumgart. So ließen sich viele Situationen stressfreier gestalten. Ein Beispiel ist der so genannte CatWalk-Test, ein Verfahren zur Ganganalyse bei Mäusen beispielsweise nach chirurgischen Eingriffen. Häufig verweigern die Tiere die Mitarbeit, was zu unbrauchbaren Daten führt. Durch gezieltes Training konnte das Mainzer Team jedoch die Erfolgsrate deutlich steigern.
Der Effekt ist messbar: „Wir haben weniger gestresste Tiere, weniger Artefakte – und letztlich eine bessere Wissenschaft“, fasst Baumgart zusammen. Eine bewährte Methode sei das „Positive Reinforcement Training“ in Kombination mit einem konditionierten Verstärker, wie einem Klicker oder einer Futterbelohnung. „Wir sind gerade dabei, die Effekte unserer Trainingsmethoden in wissenschaftlichen Studien zu quantifizieren“, berichtet Baumgart.
„Es gibt ein großes Informationsdefizit“
Dass die Arbeit mit Versuchstieren ein gesellschaftlich sensibles Thema ist, macht sich Nadine Baumgart oft bewusst. Doch sie scheut sich nicht davor, darüber auch öffentlich zu sprechen. Sie hält Vorträge, gibt Interviews und nutzt Social Media, um über das Thema aufzuklären. „In der Öffentlichkeit gibt es ein großes Informationsdefizit“, sagt sie. „Es ist wichtig, dass sich die Menschen ein realistisches Bild machen können.“ Ihre Erfahrungen dabei sind positiv. „Ich habe nie mit Anfeindungen zu kämpfen gehabt“, sagt sie. Kritik begegne sie mit Offenheit: „Ich finde es völlig legitim, wenn jemand sagt, dass er gegen Tierversuche ist. Ich bin jederzeit bereit, darüber zu diskutieren.“
Für Nadine Baumgart endet ihr Engagement für Tiere jedoch nicht an der Labortür. „Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Heute haben wir einen Hund, eine Katze, Wachteln und sogar Bienenvölker“, erzählt sie. Ihr Mann ist Tierarzt und arbeitet mit ihr zusammen, das Thema begleitet sie also auch im Privaten. Gerade diese enge Verbindung zu Tieren macht es für sie so wichtig, sich nicht nur für exzellente Wissenschaft, sondern auch für das Wohl der Versuchstiere einzusetzen. „Es geht mir darum, den Tieren, die für die Forschung unverzichtbar sind, etwas zurückzugeben“, sagt sie. „Und unsere Arbeit zeigt: Tierwohl und Spitzenforschung müssen kein Widerspruch sein – sie können Hand in Hand gehen.“
Welchen Rat möchten Sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs mitgeben?
Bleibt aufmerksam: Achtet stets darauf, wie ihr das Tierwohl in euren Möglichkeiten verbessern könnt. Es gibt immer eine Option, und ein wenig der 3R-Prinzipien lässt sich in jedes tierexperimentelle Projekt integrieren.
Verliert nicht den Mut: Gebt nicht auf, wenn eure Forschung nicht direkt zum großen Durchbruch führt oder eure Ideen noch nicht die Anerkennung finden, die sie verdienen. Jeder kleine Schritt, auch wenn er euch unbedeutend erscheint, zählt. Oft sind es die vielen kleinen Schritte, die letztlich große Veränderungen bringen.
Seid offen und transparent: Kommuniziert eure Forschungsprojekte, insbesondere bei Tierexperimenten. Überlasst es nicht anderen, eure Geschichte zu erzählen. Wissenschaftskommunikation ist entscheidend, um Vertrauen zu schaffen und die Bedeutung eurer Arbeit zu vermitteln.
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